40 Jahre SuchtHotline München. Teil 1: Eine typische Nachtschicht

Einführung: Anlässlich des 40-jährigen Bestehens der SuchtHotline München werden wir in den nächsten Wochen einige Artikel veröffentlichen, die sich mit der Arbeit der SuchtHotline München beschäftigen. Warum wir das tun? Weil die Ordneswerke des Deutschen Ordens die SuchtHotline München seit vielen Jahren in ihrem segensreichen Wirken unterstützen: Die Räumlichkeiten unserer Beratungsstelle TAL 19 am Harras (Albert-Roßhaupter-Str. 19, 81639 München) bieten auch der SuchtHotline München eine Heimat; unsere Mitarbeiter/-innen stehen den ehrenamtlichen Mitarbeitern/-innen der SuchtHotline München jederzeit als fachliche Unterstützung und zum kollegialen Austausch zur Verfügung.

Die SuchtHotline: Eine typische Nachtschicht

19.25   Ich kommen etwas knapp zur Nachtschicht. Hoffentlich reicht die Zeit zur Übergabe.

19.27   Freue mich, gerade auf diesen Nachmittagsdienst zu stoßen. Wir haben vor 7 Jahren die Ausbildung zusammen gemacht und uns schon länger nicht gesehen. Leider bleibt nicht viel Zeit für Privates. Am Nachmittag haben acht Leute angerufen, zwei davon waren schwierig und mein Vorgänger möchte kurz darüber berichten, da sie sich viellciht nochmal in meiner Schicht melden.

19.41   1.Anruf: Ein Mann, der gerade von der Arbeit nach Hause kommt und dessen Frau völlig alkoholisiert in der Wohnung liegt. Er möchte wissen, was er tun soll. Soll der Notarzt geruden werden?

19.57   2.Anruf: Der 25-jährige Sohn des Anrufers verspielt sein ganzes Geld. Er versucht den Sohn durch finanzielle Hilfen immer wieder über Wasser zu halten und verlängert dadurch die Sucht. Alle Versprechungen des Sohnes werden nicht eingehalten. Immer wieder weint der Vater und ich kann seine Verzweiflung spüren. Wir sprechen über seinen Ärger, den er bisher nicht zulässt.

20.34   3.Anruf: Eine 37-jährige Frau war nach der Entgiftung im Krankenhaus einige Monate trocken und ist jetzt wieder rückfällig geworden. Sie trinkt jetzt 3 Liter Wein täglich. Bisher hat sie keine Therapie gemacht. Wir sprechen über ihre Ängste vor der Therapie. Sie findet für sich die Läsung, zu einem Vorgespräch in eine Einrichtung zu fahren und sich diese unverbindlich anzuschauen. Vielleicht nehmen dann die Bedenken ab.

21.00   Gerade ruft niemand an und ich habe Zeit, mir einen Tee zu machen und den Raum durchzulüften.

21.08   4.Anruf: Der 31-jährige Anrufer ist seit 2 Wochen clean und trocken. Seitdem hat er regelmäßig Panikattacken. Deshalb ruft er auch jetzt an. Er beruhigt sich und ist zufrieden, dass er nicht rückfällig wurde. Wir sprechen darüber, wo er sich sonst noch Unterstützung holen kann.

21.57   5.Anruf: Ein 27-jähriger Anrufer schilder seine Situation: Seine Freundin will ihn wegen seiner Kifferei verlassen und der Arbeitsplatz hängt am seidenen Faden – trotzdem möchte er nicht von den Drogen lassen. Wir sprechen zunächst vor allem über die Vorteile, die ihm das Kiffen bringt. Was gäbe es an Alternativen, um sich zu entspannen? Er möchte das Internetprogramm „Quit-the-Shit“ ausprobieren, um seinen Konsum unter der Woche zu reduzieren.

22.28 6. Anruf: Der 52-jährige Anrufer ist verzweifelt: Er ist seit 4 Monaten arbeitslos und völlig verschuldet. Er trinkt seit seiner Zeit bei der Bundeswehr und hat jetzt eine Dosis von täglich bis zu 12 Flaschen Bier und zusätzlich Schnaps. Er ist stark angetrunken, deshalb halte ich das Gespräch kurz. Ich bitte ihn, am Morgen anzurufen, wenn die Verständigung besser möglich ist und wünsche ihm eine gute Nacht (lange Gespräche mit Angetrunkenen bringen außer der momentanen Entlastung nicht allzu viel, da sie alles wieder vergessen).

23.00   Ich checke die eingegangenen E-Mail-Anfragen. Zur Beantwortung der drei E-Mails werde ich heute wohl erst nach Mitternacht kommen. Jetzt brauche ich erst mal eine Pause – dazu hänge ich das Telefon aus. Es ist wichtig, vor einem neuen Gespräch den Kopf wieder frei zu haben. Es gibt die 2. Tasse Tee und ein Stück Schokolade.

23.23   7. Anruf: Es ist eine 27-jährige Frau außerhalb Münchens. Ob wir unter Schweigepflicht stehen und wirklich nicht mit der Polizei zusammenarbeiten? Sie konsumiert regelmäßig Crystal mit ihren Freunden. Gerade hat sie keinen Nachschub und ihr wird ihre desolate Situation bewusst. Ihr Leben dreht sich fast nur noch um die Drogen. Versuche eines kontrollierten Konsums klappen bei dem hohen Suchtpotenzial dieser Droge nicht. Wir erarbeiten einen Weg, wie sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen könnte.

00.03   8. Anruf: Ein jugendlicher Anrufer erzählt, dass seine Mutter schwer abhängig ist. Auf meine Frage, von was, antwortet er: von Weißwürsten. (Gekicher im Hintergrund)

00.08   Ich beantworte die E-Mails, die über das Kontaktformular der SuchtHotline gekommen sind.

01.16   9.Anruf: Ein 43-jähriger Kokser möchte wissen, wie er die Droge in den Griff bekommen kann. Wir sind die erste Stelle, mit der er über sein Problem spricht. Er erlebt es als Niederlage, dass er allein damit nicht mehr klar kommt. Wir sprechen über die hohen Ansprüche, die er ans sich hat und die ihn daran hindern, sich Unterstützung zu holen. Die SuchtHotline war bereits der erste Schritt!

04.20   10.Anruf: 57j-ährige Alkoholikerin macht gerade selber Entzug, sie ist allein, hat sehr starke Entzugssymptome. Ich rate dringend, sofort etwas Alkohol zu trinken und die Entgiftung nur in einer Klinik durchzuführen (an Alkoholentgiftungen in Eigenregie sterben immer wieder Menschen wegen Krampfanfällen).

07.00   Ich mache mich fertig für die Ablösung. Na, immerhin konnte ich gut 4 Stunden schlafen (besser: schlummern). Noch ein kleines Schwätzchen mit meiner Nachfolgerin und dann ein Spaziergang durch die erwachende Großstadt. Von der kalten Luft , die um meine Ohren bläst, lasse ich die Gedanken an die Nacht wegtragen.

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