All hands! Leinen los…

Aus einem Segeltagebuch…

Wir schreiben das Jahr 2016. Die Therapieeinrichtung „Fachklinik Alpenland“ wurde, unter anderen, vom Deutschen Orden eingeladen, ein paar Tage über die Ostsee zu segeln. Bevor es los gehen konnte, wurden intern sieben Leute für dieses Abenteuer ausgewählt, die fit und stabil genug waren, diesen Törn zu bewerkstelligen.

Am 11. Juni ging es nach einer aufregenden Vorbereitungs- und Wartezeit endlich los. Zunächst mit dem Auto in Richtung Berlin. Da der Anreiseweg (1070 km) doch ziemlich anstrengend war, wurde dort ein Zwischenstop zur Erholung gemacht. Um nicht schon am ersten Tag des bevorstehenden Abenteuers völlig geplettet zu sein. Nach einem nettem Empfang mit Abendessen und Spaziergang, ging es dann zur Nachtruhe. Das Haus Kleine Linde war eine schöne Zwischenstation in einem idyllischen Örtchen im Herzen Brandenburgs. Nach einem kräftigen Frühstück ging es dann am nächsten Morgen weiter nach Wismar-Hafen wo die „Albatros“ mit Crew schon auf uns wartete.

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Am 12. Juni sind wir dann an Bord des großen Segelschiffs „Albatros“ gegangen. Die Albatros ist im Jahre 1942 erbaut worden. Seit 1973 gehört dieses Schiff zum Segelverein „Clipper“. Es ist 35,70 m lang; 6,94 m breit und hat einen Tiefgang von 3,10 m. Es hat eine Segelfläche von 300 qm und der höchste der drei Masten ist 27 m hoch. Einen Hilfsmotor mit 120 PS gab es natürlich für den Fall der Fälle auch. Unter Deck waren 5 Schlafsäle mit insgesamt 26 Kojen, 2 WC`s und die Küche mit der „Messe“ (Segelsprache für Speisesaal).

Wir waren alle positiv überrascht als wir den schönen alten Drei-Master sahen. Natürlich waren wir nicht die Einzigen. Nein, es sind noch zwei weitere Einrichtungen an Bord gekommen, mit denen wir uns gut verstanden; dazu die Schiffs-Crew mit sechs Mann (Kapitän, Navigatorin, Koch, Maschinenmann und 2 Steuermänner). Man braucht einfach so viele Leute, um so ein Schiff zu steuern. Das Wichtigste: „Man muss sich auf jeden Mann verlassen können!“

Nach einer Segnung von Pater Jörg, wurden wir in drei Wachen eingeteilt: Und zwar in die A-Wache, die für den vorderen Teil des Schiffes zuständig war, die B-Wache für den mittleren und die C-Wache für hinteren Teil. Natürlich braucht es auch einen Koch, der an Bord ist, um für die ganzen hungrigen Mäuler zu sorgen. Zu seiner Entlastung wurde von jeder Wache ein Mann abgezogen und für die „Backschaft“ eingeteilt, so das der Koch drei Hilfen hatte.

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Wir legten also nun mit der alten Dame „Albatros“ von Wismar ab und schipperten dann ganz ohne Motorhilfe aus dem Hafen. Was den Kapitän fröhlich stimmte, da es wohl nicht oft so gut los geht. Nach einer ersten gemütlichen Segeltour legten wir vor der Insel „Poel“ Anker. Dort haben wir alles erklärt bekommen, wie das auf Deck so funktioniert. Dann das erste Mal Segel setzen, danach Manöverübungen – bevor wir uns letztendlich zum Abenddinner begaben. Zum krönenden Abschluss sahen wir uns das erste Spiel der deutschen Mannschaft bei der EM an Deck an, was auch ein tolles Erlebnis war, so auf hoher See. Damit endete auch der erste Tag. Damit nachts nichts passierte, musste jeder in den eingeteilten Gruppen Ankerwache halten. Alle waren noch positiv gestimmt und gut gelaunt.

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Tag zwei brach an und es regnete leicht. Der Anker wurde gehieft. Mit Hilfe einer Kurbel und zwei Seemännern, nicht etwa mit Luftdruck. Das war guter Morgensport! Danach hieß es dann ALL HANDS – was bedeutet, dass jeder Hand anlegen musste, um die Segel zu setzen. Außer natürlich die Backschaft, die brauchte der Koch. Die Segel waren oben und wir machten uns auf den Weg in Richtung Fehmarn Insel. Bei einem Seegang von Windstärke 2-3 ging es relativ gut vorwärts. Noch ging es jedem gut, was aber nicht lange andauerte. 😉 Denn die See wurde immer rauer. Der Wind, mittlerweile bei einer Stärke von 4-5, und etwa drei Meter hohe Wellen machten dann doch einigen zu schaffen. Und so wurden die Gesichter immer grüner; einige mussten sich von Deck verabschieden, um sich erst mal hinzulegen. Das Schiff schaukelte wie eine Nussschale auf dem Wasser. Es dauerte nicht lange, bis die ersten über der Reling hingen, um die Fische zu füttern. Der ein oder andere von denen, denen es noch gut ging, fand dies anfangs noch lustig. Bis ihm oder ihr bewusst wurde, dass damit viele nicht Hand anlegen konnten und somit doppelte Arbeit anstand – was einiges an Kraft erforderte. Aber Respekt denen, die das aushielten und ihre Arbeitskraft für die gesamte Mannschaft opferten. Und dafür sorgten, dass wir trotz all der Ausfälle vorwärts kamen.

Mittlerweile hatten wir Windstärke 6 erreicht. Das Geschirr fiel aus den Regalen. Die Wellen peitschten gegen das Schiff. Wir hatten gut die Hälfte des Weges geschafft, waren kurz vor dänischen Gewässern, als es dann hieß „Wenden“. Da der Wind aus der falschen Richtung kam, konnten wir nicht an der Insel Fehmarn vorbei schippern. Deshalb waren wir gezwungen, wieder umzukehren um einen geeigneten Ankerplatz zu finden. Jeder, der helfen konnte, war nun gefragt. Auch der Maschinist. Damit wir eine schnelle und sichere Kehrt machen konnten. Was auch gelang. Wir segelten zurück zu dem vorausgegangenen Ankerplatz, da dort das Meer relativ still war und damit sich die Matrosen wieder erholen konnten, um für den nächsten Versuch wieder fit genug zu sein. Das Abendessen war verständlicher Weise nicht wirklich gut besucht, da alle froh waren, sich hinzulegen um zu schlafen. Die Ankerwache wurde auf das Nötigste reduziert und alle konnten zur Ruhe gehen.

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Tag 3: Halb acht in der Frühe hieß es dann wieder Anker rauf und ALL HANDS zum Segel setzen. Es wurde der zweite Versuch gestartet, um unser Ziel „Rodbyhaven“ in Lolland (Dänemark) zu erreichen. Mit Windstärke 3-4 ging es auch zügig vorwärts. Wir schifften im Dunkel vor uns hin. Konzentration und Vertrauen waren nun gefragt, um sicher voranzukommen. Diejenigen, die Ausguck hatten, mussten darauf achten, dass uns keine Schiffe gefährlich nahe kamen oder sonstige Gegenstände, die das Boot beschädigen könnten, übersehen wurden. Dies war notwendig, da der Steuermann am Bug (hinterer Schiffsteil) das nicht überblicken konnte. Für ihn hieß es nur Kurs halten, was manchmal gar nicht so einfach war. Gegen Mittag wurde es endlich schön, die Sonne ließ sich blicken. Was letztendlich für eine angenehme Stimmung an Bord sorgte.

Die ersten waren motiviert, den Segelmast zu besteigen, was auf offener See durchaus Mut abverlangte, aber ein tolles Erlebnis war, das man eigentlich erleben muss! Es gab noch einige Seekranke. Am frühen Abend hatten wir dann das dänische Gewässer endlich erreicht. Nach einem aufregenden Ausweichmanöver vor einem Containerschifft, das uns doch etwas zu nahe kam, genossen wir dann den Sonnenuntergang an Deck. Nachts um halb eins erreichten wir dann das dänische Festland. Nun hieß es ALL HANDS zum Anlegen. Einer musste vom Boot an Land springen und das Tan (Befestigungsseil) in Empfang nehmen, was alles schnell gehen musste. Die Segel mussten eingeholt werden. Jeden musste noch mal ran, bevor sich schließlich alle auf die Kojen verziehen konnten, um den wohlverdienten Schlaf zu genießen. Den auch alle nötig hatten.

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Tag 4: Nach gutem Frühstück ist eine kleine Truppe mit dem Chef (Koch) dann zum Proviant holen ins Dorf gegangen. Die Aufgabe der anderen bestand darin „klar Schiff“ zu machen. Das heißt: Alles putzen, Deck schrubben und Segel ordentlich legen. Immerhin wollten wir ja mit diesem schönen Segler einen guten Eindruck in Dänemark hinterlassen. Nach getaner Arbeit ging es dann erst einmal an den Strand zum Entspannen. Bei 17 Grad Wassertemperatur gingen einige Mutige zum Schwimmen. Manch andere sammelten Muscheln und Steine als Andenken, denn Andenken kaufen kann jeder; am besten sind aber immer noch die selbst gefundenen! 😉

Nach dem Mittagsbrunch gingen erst mal alle zum Duschen. Da wir ja an Bord keine Duschen hatten, war das eine aufregende Sache nach drei Tagen. Als wir uns sauber und wohl fühlten, gingen wir zum Abschluss des Tages dann gruppenweise nach Rodby zum Shoppen und einfach mal die Seele baumeln lassen. So ein Spaziergang kann schon was Tolles sein, wenn man drei Tage nur auf See war.

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Tag 5: Es hieß wieder mal nach dem Frühstück „ALL HANDS an Deck, wir stechen in See“. Der Chief (Maschinist) startete den Motor, der im Zwei-Takt vor sich hin stotterte. Unter dem Kommando des Kapitäns brachte er uns gut aus dem Hafen. Danach haben wir die Segel gesetzt. Nutzten das Bisschen Wind, der noch vorhanden war, um wieder nach Deutschland zu gelangen. Wieder bei unserer „Probleminsel“ Fehmarn angekommen, ließ er uns dann ganz im Stich. Wir trieben stundenlang auf derselben Stelle und kamen nicht vorwärts. Viele nutzten die Wartezeit bei traumhaftem Wetter und Windstille, um die Master zu besteigen und einfach die Sonne zu genießen. Am Abend beschlossen wir dann, Anker zu setzen um zu rasten und zu ruhen. Wieder alles zurückgebaut (Segel usw.), wurden wir dann von einem wunderschönem Sonnenuntergang belohnt. Außerdem stand ja noch das EM-Spiel Deutschland-Polen an. Das wir live am Handy verfolgten.

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Tag 6: Der „Alte“ (Kapitän) weckte uns wie immer mit einem lässigen Reim aus seiner Wortschatzkiste zum Frühstücken. Als die Kaffees dann wirkten und alle gestärkt waren, hieß es erneut… NA KLAR, ALL HANDS! Wir mussten ja irgendwie wieder nach Wismar kommen.

Doch bei Windstille und trotz ein paar Tricks aus der „Skippererfahrungskiste“ kamen wir nur sehr spärlich vorwärts, was einige Matrosen dann doch etwas langweilte, weil die Geduld auf eine wirklich harte Probe gestellt wurde. Aber was lernen wir daraus? „Die Natur macht eben doch was sie will!“ Eine tolle Erkenntnis für einige an Bord 😉

2,5 Knoten mehr brachten wir einfach nicht hin. Also blieb der Crew nichts anderes übrig, als die Entscheidung zu treffen, das Boot hafenklar zu machen und den Motor zu starten, um noch vor Einbruch der Dunkelheit im Hafen von Wismar einlaufen zu können. Am frühen Abend war es dann soweit: Zeit um Anzulegen.

Nachdem wir das Boot gesichert hatten, ging es zum Duschen. Als wir alle landtauglich waren, verabschiedeten wir uns in die Stadt. Somit hatte die Windstille doch noch ihre Vorteile. Zum krönenden Abschluss des Segeltörns gab es dann das mit Liebe zum Detail aufwendig vorbereitete Kapitäns-Dinner an Bord. Es war sehr lecker und alle waren mit Begeisterung dabei, als der Kapitän sich bei uns und der Crew für die tollen gemeinsamen Tage bedankte. Bei gemütlichem Zusammensein und einem erneutem romantischem Sonnenuntergang ging auch dieser letzte Abend dann zu Ende.

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Tag 7: Nach einem ausgiebigen letzten Frühstück und einer guten Ansprache des „Alten“ brachten wir die „Albatros“ wieder auf Vordermann, denn die alte Lady erwartete eine neue Crew und musste wieder ins Meer stechen. Somit war unser Segeltörn zu Ende gekommen und wir begaben uns auf den Heimweg.

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Zu guter Letzt: Es war ein sehr schöner Törn. So etwas muss man einfach erlebt haben! Viele neue Erfahrungen und Gedanken haben wir von dieser beeindruckenden Reise mitnehmen können. Einige Leute, die an Bord waren, haben alte Vergangenheit auf dem Meer gelassen, um neu starten zu können! Wir danken dem Deutschen Orden und den Sponsoren sowie der Clipper Crew, dass wir das erleben durften!

Im Auftrag der acht Personen von der Fachklinik Bad Aibling 😉

Andre W., Sebastian F.

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