Machtlose Helfer? “Legal Highs” und ihre Folgen für die stationäre Suchthilfe.

Tagungsbericht zur ersten Jahrestagung der rheinischen Fachkliniken des Deutschen Ordens

Die Jahrestagung mit dem Thema „Machtlose Helfer? Legal Highs und ihre Folgen für die stationäre Suchthilfe“ fand am 22. Februar 2013 in der historischen Kulisse der Fachklinik Schloss Bornheim statt und war eine Kooperationsveranstaltung der rheinischen Fachkliniken des Deutschen Ordens, namentlich der Fachklinik Schloss Bornheim, Suchthilfezentrum Bonn (Adaption), Schlossparkklinik Bergisch Gladbach und der Schwarzbachklinik Ratingen. Zu dieser Jahrestagung, die sich an Fachkräfte der ambulanten und stationären Suchthilfe und weitere interessierte Suchtfachkräften anderer Einrichtungen richtete, konnten wir bundesweit 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen begrüßen.

Als Stellvertreterin des Bundesministeriums für Gesundheit war für die Jahrestagung die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Frau Dr. Mechthild Dükmanns, eingeladen. Zu unserem großen Bedauern ließ ihr dicht gedrängter Terminkalender den Tagungsbesuch nicht zu.

Hintergrund für die Durchführung und Vorbereitung dieser Jahrestagung war der Wunsch der beteiligten Einrichtungen, mit der Unterstützung ausgewiesener Experten über den aktuellen Stand der Problematik zum Themenkomplex „Legal Highs“ zu informieren und mögliche Ansätze zu ihrer Bewältigung, insbesondere im Bereich der stationären Suchthilfe, aufzuzeigen.

Die Ausgangssituation auf das zentrale Thema der Tagung lässt sich wie folgt beschreiben:

„Legal Highs“ wie z.B. Spice oder Badesalze überschwemmen in ständig variierenden Formen den deutschen, aber auch den europäischen Drogenmarkt und sind ein längst bekanntes, aber immer wieder aktuelles Thema. Fortwährend werden neue Rekordzahlen hinsichtlich neu entdeckter Substanzen gemeldet. Lauf dem Jahresbericht 2012 zum Stand der Drogenproblematik in Europa der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogen­sucht (EBDD) wurde im Jahr 2011 mit 49 neu entdeckten Substanzen eine neue Rekordzahl gemeldet. Diese Situation stellt uns immer wieder vor besondere Herausforderungen, gerade weil diese Substanzen unkalkulierbare gesundheitliche Risiken für die Konsumenten bergen. Ferner zeigt diese Entwicklung auch für abstinenzorientierte stationäre Drogenarbeit Besorgnis erregende Entwicklungen, da eine Suchtverlagerung auf die noch nicht vom Betäubungsmittelgesetz erfassten Substanzen zu befürchten ist. Erschwert wird darüber hinaus die eindeutige Klärung, ob im Einzelfall ein Konsum stattgefunden hat, da dies auf Grund des Fehlens geeigneter Testverfahren bislang nur schwer möglich ist. Inzwischen hat auch während stationären Rehabilitationsbehandlungen der Konsum vor allem synthetischer Cannabinoide zugenommen.

In der Gesamtbetrachtung bedeutet dies, dass sich die Bundesregierung sowohl in ihren Präventionsbemühungen als auch hinsichtlich einer strafrechtlichen Bekämpfung dieser Stoffe auf die neuen Herausforderungen einstellen muss. Verbote dieser Substanzen können derzeit erst nach aufwändigen Verfahren durch Unterstellung unter das Betäubungsmittelgesetz erreicht werden. Bis dahin bewerben Händler diese Substanzen gezielt als angeblich legale Alternative. Aus diesem Grund hatte das Bundesministerium für Gesundheit über ein Rechts­gutachten Wege aufzeigen können, wie effektiver auf diese Entwicklungen reagiert werden kann. Auf Grundlage dieses Gutachtens wurde sich seitens der Bundesregierung dafür eingesetzt, das Betäubungsmittelrecht an die Herausforderungen dieses sich schnell verändernden Marktes anzupassen. Hinsichtlich notwendiger Präventionsangebote sind zielgruppenspezifische Angebote notwendig, um die Konsumenten über die Gefahren dieser neuen Drogen aufzuklären.

Tagungsablauf:

Nach einer herzlichen Begrüßung durch Herrn Dr. Wittgens (Medizinischer Leiter Schloss Bornheim und Schlossparkklinik Bergisch Gladbach) und einem Grußwort von Herrn Dr. Franke (Geschäftsführer der Ordenswerke des Deutschen Ordens) nutzten die therapeutischen Leiter der Fachklinik Schloss Bornheim und der Schwarzbachklinik Ratingen, Frau Esters-Fall und Herr Herres, die Gelegenheit, über den Strukturwandel der Fachkliniken Rheinland des Deutschen Ordens zu berichten. Während Frau Esters-Fall insbesondere auf die bevor­stehende Fusion der Fachklinik Schloss Bornheim mit der Schlossparkklinik Bergisch Gladbach einging, berichtete Herr Herres über die konzeptionellen Veränderungen der Schwarzbachklinik Ratingen nach dem Leitungswechsel aus 2011. Beide Leiter betonten die klinikübergreifende gute Zusammenarbeit, die in der Durchführung einer ersten gemeinsamen Jahrestagung der rheinischen Kliniken des Deutschen Ordens gipfelte. Für die Jahrestagung konnten exzellente Dozenten gewonnen werden.

Herr Dr. Werse von der Goethe-Universität Frankfurt hielt den ersten Vortrag der Veranstaltung.

bornheim-2013-27Sein Thema: „Legal Highs – Verbreitung, Konsummotive, politischer Diskurs“ (werse-vortrag) gab zunächst einen guten Überblick über die quantitative Verbreitung der neuen psychoaktiven Substanzen (NPS) in der Allgemeinbevölkerung sowie in spezifischen Gruppen. Dabei stellte sich heraus, dass der probatorische Konsum wohl am ehesten unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet ist. Weitere quantitative Daten beschäftigten sich dann mit den Konsummotiven. Neben den Probierern wurde vor allem bei regelmäßigen Konsumenten sogenannter Räucher­mischungen der Konsumtyp des Substituierers, also diese Produkte statt Cannabis, oder der Konsumtyp des Kiffers 2.0 (diese Substanzen und Cannabis) herausgefunden. Des Weiteren verwies Herr Dr. Werse auf die Konsumentengruppe, die vor allem Reinsubstanzen (research chemicals) gebrauchen. Bei dieser Konsumentengruppe spielt der legale Status des Sucht­mittels eine untergeordnete Rolle. Hier stünden Experimentierfreude der Konsumenten oder das Umgehen von Drogenscreenings im Vordergrund. Herr Dr. Werse verwies zusätzlich auf die Verbreitung der Legal High Produkte in unterschiedlichen Staaten und auf die jeweiligen gesetzlichen Regelungen, die sehr unterschiedlich sind. Zu guter Letzt wurde betont, dass es nach wie vor unklar ist, wie am effektivsten mit der Herausforderung durch die Legal High Produkte und den immer wieder neu auf dem Markt erscheinende Substanzen sowie den entsprechenden Konsumenten umgegangen werden soll.

 

Als zweiter Redner sprach Herr Prof. Dr. Rössner von der Philipps-Universität Marburg über die „rechtlichen und kriminologischen Aspekte im Umgang mit neuen synthetischen Drogen“ (roesner-vortrag).

bornheim-2013-40Herr Prof. Dr. Rössner betonte die Besonderheit der Designerdrogen im Vergleich zu anderen illegalen Suchtmitteln. Die Schwierigkeit liegt darin, das dass das Inverkehrbringen sowie der Kauf und Besitz solcher Stoffe nur dann strafbar ist, wenn dies vom Gesetzgeber exakt erfasst wurde. Dies ist jedoch bei den neuartigen oder nur leicht veränderten und damit noch nicht als Droge definierten Substanzen und Stoffderivaten nicht der Fall. Um in das Betäubungs­mittelgesetz entsprechend aufgenommen werden zu können, bedarf es längerer Unter­suchungen auch bezüglich des Nachweises, dass tatsächlich eine psychoaktive Wirkung und Eignung zu einer Gesundheitsgefährdung vorliegt. Ein solches Verfahren dauert ca. ein Jahr, in dem das Rauschmittel in Deutschland legal vertrieben werden kann. Ist einer dieser Stoffe in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen worden, reicht eine geringfügige Veränderung der chemischen Struktur, so dass diese Substanz dann vom Gesetz nicht mehr erfasst werden kann, bis sie durch ein neues entsprechendes Verfahren in das Gesetz aufgenommen worden ist. Im Folgenden berichtete Herr Prof. Dr. Rössner über die Voraussetzungen für die Strafbarkeit bei neuen Designerdrogen und den präventiven und repressiven Umgang mit den Konsumenten. Dabei wird deutlich, dass therapeutische Interventionen eine große und vorrangige Bedeutung haben. Auch geht er auf die Sozialschädlichkeit dieser psychoaktiven Substanzen und das entsprechend hohe Suchtpotenzial ein. Im Folgenden wird über mögliche Neuregelungen des Betäubungsmittelgesetzes diskutiert.

 

Nach diesen beiden Vorträgen hatten die Teilnehmer der Jahrestagung Gelegenheit, sich in der Mittagspause am reichhaltigen Buffet für das Nachmittagsprogramm zu stärken.

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Des Weiteren wurde die Möglichkeit zu Gesprächen mit Vertretern der die Tagung durchführenden Einrichtungen umfangreich genutzt. In den Räumlichkeiten befanden sich des Weiteren Infostände des Deutschen Ordens sowie der einzelnen Fachkliniken. Ein Buchstand bot fachspezifische Literatur zum Verkauf an. Ferner stellte die Firma LFM Diagnostika OHG aus Würzburg an ihrem Ausstellungsstand verschiedene Nachweismöglichkeiten bestimmter Stoffgruppen aus dem Segment der Legal Highs vor. Dabei wurden z.B. Urintester für „Spice“ oder Multitester für Speichelproben vorgestellt.

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Im Anschluss an die Mittagspause hatte Herr Dr. Auwärter vom Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg das Wort.

bornheim-2013-53Sein Thema: „Spice und synthetische Cannabinoide – pharmakologische und toxikologische Aspekte“ (auwaerter-vortrag). Er begann mit einem Hinweis auf die Flut neuer Wirksubstanzen auf dem Drogenmarkt. Er gab an, wie teilweise pharmakologisch hochpotente Wirkstoffe gemischt und in der Regel entweder auf Kräuterbasis oder in selteneren Fällen in Pulverform abgepackt werden. Es wurde deutlich, wie problematisch teilweise die in ihrer Potenz stark voneinander differierenden Wirkstoffmengen in den Produkten zu finden sind. Dies führt insbesondere bei Erstkonsu­menten häufig zu starken, teilweise aber auch zu lebensbedrohlichen Nebenwirkungen. Sehr deutlich wurde das hohe Schädigungspotenzial dieser Substanzen auch im Vergleich zu den herkömmlichen illegalen Suchtmitteln. Auch auf die Schwierigkeit des Nachweises in Blut- oder Urinproben der Konsumenten wurde hingewiesen. Auch dieser Vortrag endete mit einer sehr lebhaften Diskussion.

 

Als vierter und letzter Redner runderte Herr Dr. Härtel-Petri vom Bezirkskrankenhaus in Bayreuth die Tagung ab.

bornheim-2013-64Bei seinem Thema handelte es sich um „Badesalze und Co. – Der Umgang mit synthetischen Stimulanzien im abstinenzortientierten Setting“ (haertel-vortrag). Herr Dr. Härtel-Petri beschrieb in seinem Vortrag das Ausmaß der Zunahme von Konsumente von NPS wie Spice und Badesalzen, die ihren Weg in abstinenzorientiert Rehabilitationseinrichtungen gefunden haben. Dabei wird deutlich, dass nicht alle Rehabilitanden eine tiefer gehende Abstinenzmotivation bezogen auf alle psychoaktiven Substanzen haben. Dies führt zu einer generellen Gefährdung der Therapiefähigkeit. Deutlich wird, wie hoch die Anforderungen auch an das Behandlungsteam sind, die unter immer neuen Schwierigkeiten versuchen müssen, ein abstinenzorientiertes therapeutisches Setting aufrecht zu erhalten. Herr Dr. Härtel-Petri nahm in seinem Vortrag auch die Kostenträger in die Pflicht, für eine adäquate Finanzierung z.B. von entsprechenden Drogenscreenings zu sorgen. Nach auch einer hier sehr aufschlussreichen Diskussionsrunde endete hier der Vortragsteil der Fachtagung.

 

Nach der Verabschiedung der Dozenten und einer Danksagung an die Helfer und das gesamte Veranstalterteam hatten die Teilnehmer noch die Möglichkeit, in Gesprächen mit den Veranstaltern zu diskutieren und einen Hausrundgang durch die Fachklinik Schloss Bornheim durchzuführen.

Im Rahmen einer während der Fachtagung durchgeführten Evaluation konnte eine sehr hohe Zufriedenheit bei den Teilnehmern in allen Bereichen festgestellt werden. Wir können damit auf eine sehr gelungene und qualitativ äußerst hochwertige Jahrestagung der rheinischen Kliniken des Deutschen Ordens zurückblicken. Die zweite Jahrestagung für das Jahr 2014 ist bereits in Planung.

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