Rückblick Fachtagung 2015: „Sucht und häusliche Gewalt. Erscheinungsformen, Auswirkungen und Möglichkeiten der Intervention.“

„Ich hab deinen Haushalt für dich geschmissen, ja,

bin nicht wie andere zur Schule gegangen.

Du warst ständig nur total betrunken, anstatt für mich da

und hast mit Freunden in der Wohnung abgehangen.

Doch ich hab´s nicht mehr gepackt,

es hat nicht mehr geklappt,

bin geflohen auf der Suche nach Sicherheit

zu den Nachbarn, dann ins Heim, jetzt zu Papa

Doch ich hoffe: Irgendwann bist du zum Mama-Sein bereit …“

So tönt die wütend-energische Stimme einer Jugendlichen in einem Rap, den Referent Simon Liegel den Besuchern der diesjährigen Fachtagung der Rheinischen Kliniken des Deutschen Ordens vorspielt. Liegel arbeitet beim Sozialdienst Katholischer Männer in Köln und leitet dort das Projekt MIKADO, das Kindern und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien die Möglichkeit gibt, ihre Erfahrungen im sucht- und gewaltgeprägten Elternhaus im Rahmen von Gesprächsgruppen und kreativen Projekten aufzuarbeiten. Der Bedarf sei groß, betont der Sozialarbeiter, denn jedes sechste Kind in Deutschland wachse in einem suchtbelasteten Elternhaus auf.

Der Rap gehört zu den beliebtesten Ausdrucksformen der Jugendlichen, die zu MIKADO gefunden haben, um ihre bedrückenden Erlebnisse zu verarbeiten. Trotzdem ist es schwer für die Betroffenen, den ersten Schritt zu wagen und die bestehenden Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Zu groß ist die Hemmschwelle, das Tabu zu brechen und die massiven Probleme der Familie nach außen zu tragen. Zu groß die Sorge, vom Jugendamt aus dem trotz allem immer noch wichtigen familiären Rahmen herausgeholt zu werden und in einem Heim zu landen. Zu groß die Scham vor Mitschülerinnen und Mitschülern, der Peergroup und selbst vor den besten Freunden. „(K)einer soll was merken – Arbeit mit suchtbelasteten Familien“ hat Liegel seinen Vortrag bezeichnenderweise genannt, der das Thema der Fachtagung „Sucht und häusliche Gewalt – Erscheinungsformen, Auswirkungen und Möglichkeiten der Intervention“ aus der Opfer-Perspektive beleuchtet.

Veranstaltungsort war auch in diesem Jahr Haus St. Josef, eine Einrichtung der Behindertenhilfe des Deutschen Ordens in Düsseldorf. Rund 80 Besucherinnen und Besucher aus Suchtkliniken, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Beratungsstellen oder der Deutschen Rentenversicherung Rheinland waren zu den Vorträgen von insgesamt vier Referenten erschienen.

Dr. Wolfgang Wittgens, ärztlicher Leiter der Schlossparkklinik Bergisch Gladbach, der Fachklinik Schloss Bornheim und des Suchthilfezentrums Bonn, führte durch das Programm, das von einer einstündigen Pause mit Mittagsbuffet unterbrochen wurde. Das Engagement vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Haus St. Josef, den Rheinischen Kliniken sowie dem Referat für Unternehmenskommunikation hat auch in diesem Jahr einen sehr ansprechenden Veranstaltungsrahmen und reibungslose Abläufe ermöglicht.

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Dr. Wolfgang Wittgens begrüßt die anwesenden Tagungsteilnehmer

Nach der Begrüßung der Anwesenden und einem einführenden Kurzreferat von Dr. Wolfgang Wittgens zum Zusammenhang zwischen Sucht und Gewalt aus historischer Perspektive folgte Professor Dr. Michael Klein von der Katholischen Fachhochschule Köln als erster Referent. In seinem Beitrag setzte er sich mit dem Thema „Sucht und Familie – Zusammenhänge, Risiken, Kosequenzen“ auseinander.

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Prof. Dr. Michael Klein von der Katholischen Fachhochschule Köln

Das Kindeswohl, appellierte Herr Professor Dr. Klein, müsse als prioritäres Leitmotiv in allen gesundheits- und sozialbezogenen Hilfebereichen verankert und umgesetzt werden. Ohne Kindeswohl gebe es langfristig keine gelingende Entwicklung und keine Reduktion der Zahl psychischer Störungen. Suchtstörungen spielten dabei eine zentrale Rolle, da süchtiges Verhalten meist zur Selbstmedikation von frühen Verhaltens- und Erlebensstörungen eingesetzt werde.

Häusliche Gewalt, die als physische, psychisch-verbale, sexuelle oder strukturelle Gewalt in allen sozialen Schichten und auf Seiten beider Geschlechter in Erscheinung treten kann, korreliert sehr stark mit dem Konsum psychotroper Substanzen, wie etwa Alkohol, Kokain oder Opiaten. Allein in Deutschland leben 2.65 Millionen Kinder, bei denen ein Elternteil eine alkoholbezogene Störung (Missbrauch oder Abhängigkeit) aufweist sowie ca. 40.000 Kinder mit einem drogenabhängigen Elternteil. Jedes dritte Kind in einer alkoholbelasteten Familie erfährt regelmäßig physische und mehr als jedes zweite Kind psychische Gewalt. Kinder suchtkranker Eltern sind erheblich gefährdeter, im Laufe ihres Lebens selbst eine Abhängigkeitserkrankung oder eine andere psychische Störung zu entwickeln. Sie tragen zudem ein insgesamt höheres Gesundheitsrisiko, da das Leben in einer suchtbelasteten Familie Dauerstress bedeutet.

Das Hauptproblem suchtkranker Eltern im Erleben ihrer Kinder ist ihre Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit, bisweilen auch ihre Impulsivität, Aggressivität oder Depressivität. Trotz der belastenden Erfahrungen besteht eine unbewusste Tendenz im späteren Leben die Beziehungsmuster der Kindheit zu wiederholen: So heiraten beispielsweise Töchter alkoholkranker Väter in mehr als 40% aller Fälle wieder einen alkoholkranken Partner und sind besonders anfällig für co-abhängige Verhaltensweisen.

Abschließend gab Professor Dr. Klein einen Ausblick auf Behandlungsmöglichkeiten: Aufgrund der hohen Komorbidität von Suchtstörungen und psychischen Störungen seien für Kinder aus betroffenen Familiensystemen kombinierte, aufeinander abgestimmte therapeutische Angebote besonders wichtig. Die Suchttherapie für Erwachsene sollte nach Möglichkeit auch Angebote für Gewalttäter umfassen. Dieses mache weitergehende präventive Bemühungen für betroffene Kinder und Jugendliche allerdings nicht überflüssig.

Die Zusammenhänge von „Komorbidität, Traumafolgestörungen und Sucht“ vertiefte dann Frau Dr. Laycen Chuey-Ferrer, Oberärztin der AHG Klinik Dormagen. Wenn häusliche Gewalt als Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung in Erscheinung tritt, das mit intensiver Furcht und gleichzeitiger Hilflosigkeit erlebt wird, spricht man von einer Traumatisierung der Opfer. Häufige Folge ist die sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), bei der eine dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses symptomatisch ist. Die Betroffenen leiden an sehr plastischen anhaltenden Erinnerungen an die bedrohliche Situation, was bis zu einem erneuten Durchleben des traumatischen Erlebnisses führen kann. Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, eine erhöhte Schreckhaftigkeit, erhebliche Probleme bei der Gefühlsregulation oder eben auch Suchtstörungen zählen zum Krankheitsbild. Traumatische Erfahrungen in der Kindheit und Jugend erhöhen das Risiko einer späteren Abhängigkeitserkrankung um das Dreifache, bei schwerer sexueller Traumatisierung sogar um den Faktor 5,7.

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Dr. Laycen Chuey-Ferrer ist Oberärztin an der AHG Klinik Dormagen

Die Kombination aus Sucht- und Traumatherapie sei bei diesen Patienten unerlässlich, betonte die Referentin, erfordere aber eine besondere Qualifizierung des therapeutischen Personals. Die Therapie müsse langfristig angelegt werden und der Umgang mit dem Trauma sehr behutsam erfolgen. Eine zu starke Konfrontation mit dem schrecklichen Erlebnis könne zu einer Re-Traumatisierung der Opfer führen.

Ein Perspektivenwechsel wurde schließlich von Wolfgang Scheiblich vollzogen, dem ehemaligen Leiter des Sozialdienstes Katholischer Männer in Köln. Er stellte das Thema „Sucht und häusliche Gewalt aus Tätersicht“ dar und begann seinen Vortrag mit dem Bericht eines Mannes, der wegen wiederholter Gewalt gegenüber seiner Familie im Gefängnis saß. „Es ist einfach nur passiert“, zitierte Scheiblich den Familienvater. Das sei eine durchaus typische Wahrnehmung, mit der Gewalttäter ihre Vergehen gegenüber Angehörigen oder Partnern als ebenso unvorhersehbar wie unkontrollierbar einschätzten.

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Wolfgang Scheiblich, ehem. Leiter des Sozialdienstes Katholischer Männer in Köln

Aber auch wenn die Gewalttaten häufig nicht vorsätzlich, sondern im Affekt verübt würden, gebe es grundsätzlich immer Verhaltensalternativen zur Gewaltausübung. Gewalttaten geschehen nicht aus heiterem Himmel, sondern haben eine Vorgeschichte und einen aktuellen Auslöser. Oft gibt es eigene Gewalterfahrungen im biografischen Hintergrund. Hinzu kommen massive Überforderungsgefühle im Alltag bei einer gleichzeitig eingeschränkten Kompetenz, eigene Gefühle zu spüren und zu regulieren. Hieraus resultieren Kontrollverluste über das eigene Handeln.

Trotzdem müsse die Therapie von Tätern eine konsequente Konfrontationsarbeit sein, kritisierte Scheiblich eine therapeutische Kultur, in der die Therapeuten dazu neigten, im Täter auch ein Opfer zu sehen. Auch wenn dies objektiv stimme, trage es nicht zur Reduzierung des Gewaltpotenzials bei, wenn im therapeutischen Prozess die Opferrolle des Täters beleuchtet würde. Zu einer Verurteilung dürfe es dagegen auch nicht kommen, da nur das Verhalten des Täters zur Disposition stehe, aber nicht dessen Person. Auch ein Täter habe Anrecht auf therapeutische Hilfe, sagte Scheiblich, zumal er angesichts seiner Taten oftmals unter massiven Schuldgefühlen leide.

Bei häuslicher Gewalt leben Täter und Opfer in unmittelbarer räumlicher und emotionaler Nähe zusammen – aber nicht miteinander. Die Beziehungen sind von großer beidseitiger Abhängigkeit geprägt. Familienmitglieder, die Gewalt erfahren, passen sich den Stimmungen der Täter an, sind ständig bemüht, Auslöser für Gewaltverhalten zu vermeiden und Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.

Das mache es sehr schwer, an die Zielgruppe heranzukommen, beklagt Simon Liegel im letzten Vortrag der Fachtagung. „Wir erreichen aktuell an allen unseren Standorten in Köln zusammen etwa 25 Kinder und Jugendliche mit unseren Angeboten, also etwa 1,5 Prozent der 1700 Hilfebedürftigen. 98,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit zu vermutendem Bedarf sind also nicht entsprechend versorgt!“

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Simon Liegel vom Sozialdienst Katholischer Männer in Köln leitet das Projekt MIKADO

Seit 13 Jahren läuft das Projekt MIKADO schon und ist seither ständig auf private Spenden, Stiftungsmittel und Projektförderungen angewiesen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen die damit verbundene Planungsunsicherheit notgedrungen in Kauf. Sie wissen, wie wichtig ihre Arbeit für die Jugendlichen ist. Und sie wissen, was sie damit bewirken können.

Am Ende spielt Liegel die letzte Strophe des Raps vor:

 

„Jetzt trau ich mich, Dir zu sagen,

was ich vorher nicht gesagt hab,

weil ich nicht wusste, was Du machst,

wenn ich Dir meine Meinung sag.

Hey, hör mir doch mal zu,

jetzt bin ich mal dran

Und wenn Du’s nicht kapieren willst,

dann sprich mit meiner Hand.“

 

Wieder ist das jugendliche Mädchen zu hören. Diesmal klingt sie nicht mehr wie ein Opfer, sondern wie ein Mensch, der Distanz gewonnen hat, der gelernt hat, sich zu artikulieren und zur Wehr zu setzen.

 

 

Fotogalerie:

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