Wie wir auszogen, um Bayern zu rocken

– eine gänzlich unpädagogische Retrospektive!

Zu langsam schlägt der Puls der Stadt Berlin. Wir wollen raus! Unsere Fahrt zieht uns nach München. Chris und Hans, unser treues Kamerateam, das nach eigenen Angaben einen Film über uns herstellen wird, haben als Urbayern gute Verbindungen in die lokale Künstlerszene und den starken Wunsch, uns mit der „fremden“ Kultur bekannt zu machen. Lange schoben wir diese Idee vor uns her, bis sich alle Voraussetzungen schließlich willig fügten und sie zwei Auftritte fest vereinbart hatten. Somit traten wir unsere 4 tägige Reise am 17.10.2014 an. Die Abfahrt verzögerte sich etwas wegen der Unmenge an Koffern, die den Eindruck erweckten, als verreiste eine Gruppe Frauen für zwei Wochen. Was genau der Inhalt war, sollte ein Rätsel bleiben, da die Wäschewechselmentalität auch die Mitnahme leichten Handgepäcks begünstigt hätte.

Auf der Autobahn steigt die Stimmung, Gesänge werden laut. Heute Abend werden wir im Innsekt in Wasserburg spielen. Die freudige Erwartung lässt die lange Fahrt kurz werden und die Sichtung der Allianz-Arena trägt ihr Übriges bei. Mit nur zwei kleinen Pausen „reiten“ wir schließlich in der schönen Kleinstadt ein. Es ist kalt, feucht und nebelig. Eigentlich genau wie in Brandenburg. Die Mitarbeiter des Innsekt, einem Jugendtreff der AWO, empfangen uns freundlich und wirken überrascht von der Energie und der überschwänglichen Begrüßung durch uns.

Um die Zeit zum Auftritt zu überbrücken, kehren wir in ein Café ein und lassen es uns gut gehen.

Wasserburg

Zurück im Innsekt machen wir Soundcheck und begrüßen die andere Band – Palindrome.

Palindrome und Jacke wie Hose

Der Auftritt scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Bei Johannes reißt eine Gitarrenseite und er bekommt eine andere geliehen, die so tief hängt, dass er danach zum Chiropraktiker muss, Micha spielt offensichtlich am Schlagzeug andere Lieder als der Rest der Band und die allgemeine Akustik lässt sehr zu wünschen übrig. Aber Pascale gibt alles – bei ihm gibt es nur 0 oder 100%. Trotzdem blicken wir auf einen gelungenen Auftritt zurück und haben nach dem Auftritt von Palindrome noch viel Spaß zusammen.

Am nächsten Morgen brechen wir gleich in Richtung Aschau im Chiemgau auf. Hier beziehen wir das Gästehaus Bauer – ein Haus in schönster Lage inmitten der Berge.

Unterkunft

Wir fahren anschließend zum Wendelstein, essen und trinken und fahren mit der Zahnradbahn zum Gipfel auf 1800 m. Die Fahrt nach oben ist extrem steil und angsteinflößend und sie bekommt nicht allen Mitfahrenden gut. Oben genießen wir den schönen Ausblick auf den Großglockner und die Zugspitze. Runter geht es auch mit der Bahn. Die Alternative eines 4-stündigen Fußmarsches rückt den Schmerz in ein anderes Licht. Nach dem Lebensmitteleinkauf für den Abend ziehen wir uns völlig erschöpft ins Hotel zurück. Die Lichter gehen aus und wir sind allein mit der Dunkelheit und einer Kirchturmuhr, die jede Viertelstunde schlägt.

Das Frühstück des kommenden Sonntags ist reichhaltig und bringt alle Lebensgeister wieder zurück. Eigentlich wollten wir heute den Chiemsee befahren…

Dampferrundfahrt

jedoch reicht unser Geld nach der Bahnfahrt vom Vortag eigentlich nur noch, um bei Sanifair auf die Toilette zu gehen. Dahrt geht es denn auch bald weiter nach München, oder Bayern, wie wir in der Band auch sagen. Klar, dass wir einen Abstecher ins Hofbräuhaus machen.

mit Urbayer

Nach diesem Kultur-Erlebnis kehren wir im Café vom Hotel Mariandl ein, wo wir endlich aufbauen dürfen. Die andere Band mit Namen „Damenkapelle“ kommt auch schon und macht einen – von uns laut gefeierten – Soundcheck. Nach eigenen Angaben ist hierbei mehr Stimmung als bei manchen ihrer Konzerte. Verwundert über unsere Lebensfreude kommt man sich schnell näher und verbringt den Abend gemeinsam wartend auf die Auftritte. Wir sollten hier im Rahmen einer Finissage spielen.

Bandaufbau

Zu fortgeschrittener Stunde absolvieren wir schließlich einen Auftritt vor einem für unsere Verhältnisse großen Publikum, das völlig begeistert und teilweise euphorisch unsere Darbietung feiert. So soll es sein! Beflügelt von der guten Akustik, perfektem Spiel und dem super Feedback, legen wir einen legendären Auftritt hin, der unter Insidern als der beste Auftritt aller Zeiten betitelt wird. Zu Recht!

Die Damenkapelle rundet das Bild ab und die Uhr geht langsam auf Mitternacht zu. Die Stimmung ist überschwänglich. Die Bandmitglieder mischen sich frei von Bedenken unter die Menge und verbreiten an allen Ecken gute Laune und sorgen für Gesprächsstoff.

Am nächsten Tag geht es wieder nach Michendorf zurück. Hier ist es kalt, regnerisch und nebelig – zum Ausräumen hat eigentlich niemand mehr Lust, aber die Pflicht ruft… Noch ein Abschieds-Erinnerungsfoto und die Wege trennen sich.

Der Anlass der Reise war die Musik, aber wir haben auch unseren ganz persönlichen Erfahrungsschatz erweitert. Wir sind völlig ausgelaugt, jedoch hatten wir alle eine extrem schöne Zeit mit vielen wertvollen Erlebnissen, die anderen wohl in dieser Form leider nicht zuteil werden können und für uns auch eine Ausnahme darstellen, die so schnell nicht wiederkommt. In diesem Bewusstsein haben wir die Tage auch gelebt – dafür sind wir sehr dankbar!

 

Bevor wir es vergessen: Wer sind wir überhaut?

Jacke wie Hose ist Ausdruck und Trash von Menschen mit Behinderungen in Reinkultur.

Nomen est omen – egal, was wir spielen, wir versuchen zu rocken, denn musikalische Perfektion liegt uns nur bedingt. Wir haben uns in diesem Projekt – dem Spaß an musikalischer Kommunikation mit nur notwendigster Struktur verschrieben. Grenzen verschwimmen, Verhältnisse normalisieren sich, Beziehungen definieren sich neu – Musik entsteht. Jacke wie Hose! – Kosmopolitismus pur …

Jacke wie Hose gibt es seit etwa 2005. Die Band ist aus einem Musikprojekt von Mitarbeitern und Bewohnern im Haus St. Norbert in Michendorf entstanden. Über die Jahre hat sich die heutige Besetzung gefunden und als Gruppe fest formiert. Wir sind also eine integrative Band mit Pascale (sehr engagierter Gesang), Marco (Bass und Gesang), Ilhami (Keyboard), Micha (Schlagzeug), Marco (Gitarre), Johannes (Gitarre). Wir machen ausschließlich eigene Musik mit – soweit man was davon versteht – deutschen Texten.

Wir waren schon an verschiedensten Orten, so z.B. im Blackfleck, beim Rock am Wasserturm in Potsdam, Fete de la musique in Berlin, in der Fabik in Potsdam, beim Filmfest in Garvensdorf oder bei Gegen den Strom in Michendorf. Des Weiteren treten wir immer wieder gern bei den Veranstaltungen von Handiclapped in Berlin auf.


Sie wollen mehr über das Haus St. Norbert, die Einrichtung in der die Jacke-wie-Hose-Bandmitglieder wohnen, erfahren?

http://www.behindertenhilfe-berlin.de/

 

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